Interview mit Mike Quigley

Regisseur von To The Hills & Back

Sherpas Cinema hat schon einige Filme zum Thema Lawinen und Sicherheit in den Bergen produziert. „To the Hills & Back“ ist aber der erste, bei dem du Regie geführt hast. War dieser Film dein erstes großes Projekt?

Mike Quigley: Oh, ja. Auf jeden Fall. Es war das größte, woran ich je gearbeitet und Regie geführt habe. Ich hatte wirklich Glück, dass ich bei Sherpas Cinema die Möglichkeit bekommen habe, das zu tun. Normalerweise führt immer einer der beiden anderen Regisseure bei Sherpas Regie: Dave Mossop und Eric Croston. Aber zu meinem großen Glück waren die beiden gerade mit anderen Sachen beschäftigt. Und so rutschte ich auf den Regiestuhl.

Der Film feierte auf dem Banff Centre Mountain Film Festival im November 2022 seine Premiere. War es von Anfang an euer Plan gewesen, den Film bei diesem wichtigen Festival einzureichen?

Mike Quigley: Oh mein Gott. Es war ein Wunder, dass der Film überhaupt auf dem Festival lief!

Warum?

Mike Quigley: Wir lagen so weit hinter unserem Zeitplan. Naja, um ehrlich zu sein: Eigentlich lag ich ziemlich weit hinter meinem Zeitplan. Wir haben uns Mühe gegeben, aber dann hat das Festival auf einmal Interesse an unserem Film gezeigt – und dann haben wir uns erst richtig Sorgen gemacht, dass wir nicht mehr rechtzeitig fertig werden würden. Dann war es September und wir hatten noch nicht einmal richtig angefangen zu schneiden. Das war ziemlich verrückt, schließlich sprechen wir hier von einer 45-Minuten-Doku. Ich habe bei diesem Projekt mit zwei Editoren zusammengearbeitet. Die haben ihre Schlafsäcke mit ins Büro gebracht und quasi zwei Monate dort gewohnt und geschnitten. Wir haben von Anfang an viel improvisiert, doch es gab einen Plan – und das war unser Drehbuch.

Was für ein Endspurt! Das klingt so, als hättet ihr den Film im Expeditionsmodus geschnitten. Wann habt ihr eigentlich mit der Produktion begonnen?

Mike Quigley: Die Idee entstand schon im Dezember 2020. Ab Januar des darauffolgenden Jahres haben wir die Idee weiterentwickelt und nach den richtigen Charakteren Ausschau gehalten. Als dann im November 2021 die Finanzierung geklärt war, wurde es ernst. Im Januar 2022 haben dann die Dreharbeiten begonnen.

“Wir wollten, das eines unmissverständlich rüberkommt: Das kann wirklich jedem passieren, ganz egal, wer du bist und was du machst. Das war unsere oberste Priorität…Und mir das wichtigste bei diesem Film.“

Mike Quigley, Regie

Wie habt ihr eure Hauptprotagonisten gefunden?

Mike Quigley: Das war sehr unterschiedlich. Da ist Brad, der alte Bergführer, und Adam Campbell. Und Katie Combaluzier. Adams Geschichte war damals quasi bei uns um die Ecke passiert. Er ist ein enger Freund von uns und ich kannte ihn schon länger – und natürlich auch seine Geschichte. Es war keine Frage, dass wir seine Geschichte in den Film reinnehmen wollten.

Aber ich hatte Sorge, dass seine Geschichte vielleicht schon zu oft erzählt worden ist. Und dass das bei vielen Leuten nicht gut ankommen würde: Kennen wir schon, das wollen wir nicht nochmal hören! Aber dann wurde mir bewusst, dass diese Meinung hauptsächlich von Leuten vertreten wurde, die in der Social-Media-Welt sehr gut vernetzt waren – wo ich mich nicht so gut auskenne. Letztendlich ist Adams Geschichte doch im Film gelandet, weil ich glaube, dass es da draußen noch andere Leute außerhalb dieser Instagram-Bubble gibt, die sich auch fürs Skitourengehen interessieren und von Adam Campbell noch nie etwas gehört haben.

Wie habt ihr Katie Combaluzie gefunden?

Mike Quigley: In diesem Fall haben uns die sozialen Medien tatsächlich geholfen. Eine unserer Produzentinnen ist auf Instagram ziemlich aktiv und hat Katie auf Instagram entdeckt. Sie kam zu mir und sagte: Schau dir diese Frau an! Ich habe ihre Posts gelesen und mir ein grobes Bild davon verschafft, was ihr zugestoßen war. Dann habe ich ihren Unfall genauer recherchiert. Nach ein paar Telefonaten war uns klar, dass auch sie mit in den Film rein musste.

Bleibt nur noch Bradford White…

Mike Quigley: Ich kannte Brad nicht besonders gut, aber mein Chef, Malcom Sangster, hatte recherchiert und sagte zu mir: Dieser Typ muss mit in den Film. Seine Familie hat das Skitourengehen in den Rocky Mountains begründet! Skoki Lodge, wo wir auch die Szenen mit ihm und seiner Tochter Ginny gedreht haben, war die erste Lodge in den Rocky Mountains, nicht nur in Kanada, sondern auch in den USA. Leider konnten wir diesen ganzen geschichtlichen Hintergrund nicht im Film unterbringen

Die Szenen in der Skoki Lodge unterscheiden sich sehr vom Rest des Films. Es ist kein klassisches Dokumentarfilminterview, sondern ein Gespräch zwischen zwei Personen. Warum habt ihr euch entschieden, das so zu machen?

Mike Quigley: Ja, das Gespräch mit Brad war eine große Herausforderung. Es war wirklich inszeniert. Die Idee dazu kam von einem Quentin-Tarantino-Film. In „The Hateful 8“ gibt es eine Szene am Kamin, mit zwei Stühlen…. Und ich wollte genau diese Art von Dramatisierung in meinem Film auch haben. Das ist Kino! Ich liebe den Dokumentarfilm, aber ab und zu möchte ich auch aus den gelernten Doku-Mustern ausbrechen. Bei diesem Film habe ich es zum ersten Mal gemacht. Während der Dreharbeiten hat es sich mies und ziemlich unecht angefühlt.

Meine Protagonisten waren ja keine Schauspieler! Brad hatte etwas mehr Erfahrung im freien Sprechen als Ginny. Er hat schon viele Vorträge über Lawinen gehalten und Kurse gegeben. Seine Passagen haben super funktioniert. Ginny hat noch nicht so viel Medienerfahrung und ist es auch nicht gewöhnt, vor der Kamera zu stehen. Sie hat das auch super gemacht, aber es war nicht leicht. Ich hatte erst im Schnitt das Gefühl, dass es funktioniert und dass es schön ist.

Es war auch lange nicht klar gewesen, mit wem sich Brad dort am Feuer überhaupt unterhalten sollte. Bis seine Tochter auf einmal auftauchte… Ich lernte sie etwas besser kennen, erfuhr, dass sie sich gerade in der Ausbildung zum Ski Guide befindet und fand das perfekt. So kam irgendwie eines zum anderen. Und kurz vor Drehbeginn gab es dann noch eine Überraschung: nämlich, dass Ginnys Schwester auch noch dabei sein würde.

So hat es Ende fast die ganze Familie in den Film geschafft. Manche Dinge kann man wohl einfach nicht planen. Warum war es denn so perfekt, dass auch noch Ginnys Schwester mit von der Partie war?

Mike Quigley: Ich hatte mir den Anfang des Films so vorgestellt: Wir sehen die Berge, ein weites Tal und mittendrin eine einzelne Skitourengeherin. Was ja eigentlich leichtsinnig ist, man sollte nicht alleine in die Berge gehen… Ginny kannte den Weg und ist ihn schon viele Mal gegangen, man hätte das schon irgendwie erklären können. Aber als ihre Schwester auftauchte und mitkam, konnten wir uns das alles sparen.

Wir kommen später noch mal auf diese inszenierten Szenen zurück, aber jetzt möchten wir gerne mehr über deine Interviews mit Adam und Katie erfahren. Wie war es mit diesen beiden Menschen über einen der schlimmsten Tage ihres Lebens zu sprechen?

Mike Quigley: Diese Interviews waren definitiv das Schwierigste, was ich in meiner Laufbahn als Filmemacher jemals gemacht habe.

Was Adam betrifft: Ich wusste, was ihm passiert war. Ich kannte ihn schon vor dem Unfall. Aber ich hatte niemals dagesessen und zugehört, wie er seine Geschichte von Anfang bis Ende erzählt. Er geht ziemlich offen damit um, hat auch schon in mehreren Podcasts darüber gesprochen. Aber als ich dann da saß, und ihm zuhörte, da wurde mir bewusst: Oh mein Gott, das wird ein richtig schwieriges Interview. Wir werden vielleicht vier Stunden miteinander reden, und nach zwei Stunden werden wir alle in Tränen ausbrechen.

Womit soll man diese Art von Gespräch vergleichen? Vielleicht mit einem Termin beim Psychologen, wo man vorher weiß, dass es heute um die ganz schwierigen Themen geht. Aber Psychologen haben gelernt, wie man mit Leuten spricht. Ich konnte einfach nur ein Mensch sein, der aufmerksam zuhört. Das war unglaublich schwer.

Du kanntest Katie nicht ganz so gut wie Adam. Machte das einen Unterschied?

Mike Quigley: Das Gespräch mit Katie war genauso schwierig. Aber im Gegensatz zu Adams Frau hat sie den Unfall überlebt. Und das ist schon mal positiv. Was mich an Katie beeindruckt hat: Sie hat das Beste aus der Situation gemacht: Sie hat ihr Medizinstudium durchgezogen, was als Rollstuhlfahrerin wirklich nicht einfach ist. Und sie hat auch noch anfangen Monoski-Rennen zu fahren – und zu gewinnen! Als sie es in die Olympia-Mannschaft geschafft hatte, haben alle damit gerechnet, dass sie eine Medaille holt. Aber sie hatte das Gefühl, das alles nicht verdient zu haben, war nicht ganz fokussiert und hat ein paar Stürze hingelegt. Damit waren die Medaillen außer Reichweite. Aber für Katie war auch der Druck weg – und schon liefen die nächsten Rennen besser…

Lass uns noch einmal zurück zum Film kommen. Es gab ja kein Material von Katies und Adams Unfällen. An diesen Tagen hatte niemand gefilmt. Deshalb hast du dich entschieden, die fehlenden Szenen nachzustellen. Wie seid ihr an die Sache rangegangen?

Mike Quigley: Wir wussten, dass wir nicht beide Situationen hundert Prozent korrekt nachstellen konnten, das wäre viel zu verwirrend gewesen. Deshalb haben wir einen allgemeineren Ansatz gewählt: So sieht das aus, wenn man auf Skitour in den Bergen ist. Egal wo. Und so sieht das aus, wenn du gestresst bist. So sieht das aus, wenn du dein Lawinensuchgerät aktivierst. Und hier siehst du, wie eine krasse Lawine aussieht. Ganz allgemeingültige Bilder, die auch jeder im Publikum versteht, der vielleicht keine große Ahnung vom Skitourengehen hat.

Wie wichtig war es euch, die Verständnissschwelle bei diesem Film so niedrig wie möglich zu halten?

Mike Quigley: Absolut, das war mit das Wichtigste bei diesem ganzen Film.

Wir wollten, das eines unmissverständlich rüberkommt: Das kann wirklich jedem passieren, ganz egal, wer du bist und was du machst. Das war unsere oberste Priorität. Ich habe Adams und Katies Geschichte am Anfang des Films ganz bewusst sehr eng miteinander verknüpft, um das Publikum ein bisschen zu verwirren. Nach den Unfällen wird dann aber sehr schnell klar, dass die beiden Geschichten nichts miteinander zu tun hatten. Aber wenn man sehr gut aufpasst und jedem O-Ton ganz genau zuhört, dann begreift man schon von Anfang an, dass Katies Unfall in Frankreich und Adams in den Canadian Rockies passiert ist.

Das stimmt, vielleicht wird das den ein oder anderen ein bisschen verwirren. Aber der Botschaft des Films tut das keinen Abbruch. Was möchtest du den Leuten gerne mit auf den Weg geben?

Mike Quigley: Dass sie mit Respekt in die Berge gehen sollen. Diese Orte sind immer in Bewegung. Und wenn man nicht gut genug aufpasst, kann wirklich das absolut Schlimmste eintreten.

Ich wollte sichergehen, dass sich der Film weder auf die Ausrüstung noch auf das technische Equipment fokussiert, weil ich denke, dass genau diese Dinge das größte Problem darstellen. Es gibt heute soviel Ausrüstung, dass man leicht glauben kann, mit dem ganzen Zeug immer auf der sicheren Seite zu sein. Wenn ich von einer Lawine erwischt werde, kein Problem. Ich habe ja einen Lawinenrucksack. Und mit dem Handy kann ich jederzeit Hilfe rufen… Das ist ziemlich gefährlich. Außerdem entwickelt sich die Technik und die Ausrüstung auch ständig weiter. Dann wäre unser Film sehr schnell überholt gewesen. Das Einzige, was er nicht ändern sollte, ist die Mentalität, die Denkweise, mit der man in die Berge geht.

Und wie sollte diese Denkweise deiner Meinung nach aussehen?

Mike Quigley: Im Grunde ist es das, was Brad im Film sagt: Man muss die Risiken verstehen und gut abschätzen können, was riskant ist und was nicht. Das funktioniert nur mit einer Menge Erfahrung. Je mehr man weiß, je einfacher man Zugang hat, je mehr Equipment und Technik man verwendet, desto sicherer wird man in den Bergen sein – aber man darf sie trotzdem nicht unterschätzen. Eine Denkweise ist besonders verführerisch: Dass man irgendetwas schon 100-mal gemacht hat, und dass dabei ja nie etwas passiert ist. Also wird auch in Zukunft nichts passieren, korrekt? Das ist das, was ich den positiven Feedbackloop nenne.

Unser Film versucht, diesen positiven Feedbackloop zu brechen. Zu sagen: Nein, da liegst du falsch. Es kann immer etwas Schlimmes passieren. Ganz egal, wo du bist, was du weißt und wer du bist. Du musst dir den Respekt vor den Bergen immer bewahren.

Vielen Dank, Mike, für deine Zeit!

“…man darf sich eben nicht nur aufs Glück verlassen, sondern man muss auch gut sein. Das heißt Kompetenz haben und Kompetenz heißt eben Wissen und Können.“

Stefan Winter, DAV

BANFF TALK

mit Stefan Winter, DAV-Experte

In unserer diesjährige Alpindoku To The Hills & Back dreht sich alles um das Thema Sicherheit in den Bergen. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf Lawinen, die eine allgegenwärtige, aber auch unterschätzte Gefahr in den Bergen darstellen.  

Die im Film gezeigten Szenarien sind natürlich extreme Beispiele dafür, was passieren kann, wenn falsche Entscheidungen getroffen werden. Sie sind aber auch eine Chance, aus den Fehlern der anderen zu lernen und auf den eignen Touren die Risiken am Berg immer wieder neu zu bewerten.

In unserem Interview erläutert DAV-Experte Stefan Winter, worauf ihr achten solltet, wenn ihr mit Ski und Schneeschuhen in den Bergen unterwegs seid, wie ihr euch am besten vorbereitet und welche Möglichkeiten zur Weiterbildung der DAV bietet.

Wie von Stefan Winter bereits im Interview erläutert, passieren die meisten Unfälle in den Bergen beim Bergwandern. Das ist nicht unbedingt die gefährlichste Sportart, aber eben eine, die viele Menschen betreiben. Oft sind die Unfälle eine Folge der mangelnden Selbsteinschätzung der Wander:innen. Wie fit bin ich? Welche Tour in welchem Schwierigkeitsgrad traue ich mir zu?

Mit der BergwanderCard bietet der DAV euch die Möglichkeit, eure Fähigkeiten besser einzuschätzen, damit ihr ganz entspannt in die nächste Wandersaison starten könnt.

Hier findet ihr weitere Infos und die BergwanderCard zum Download: BergwanderCard

Für alle, die im Winter unterwegs sind, bietet die DAV-SnowCard eine Möglichkeit für ein passendes Risikomanagement: SnowCard

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