Drew Smith ©

Klettern in Patagonien

Ein Artikel von Hannah-Marie Beck zum Film Reel Rock: Riders on the Storm

Wandern, staunen, Klettergeschichte schreiben: Patagonien steckt voller Überraschungen – egal, was man dort sucht.

Wer nach Patagonien reist, erwartet Großes: spiegelglatte Seen, türkisblaues Wasser, endlose Weiten. So kennen wir das windgepeitschte Land von Bildern, Filmen, Social Media - und nun auch aus Riders on the Storm.

Auch ich wollte das einmal mit eigenen Augen sehen und habe mich in meinem Auslandsjahr in Chile selbst auf den Weg gemacht. Mit dem Bus geht es nach Puerto Natales, der Anfangspunkt aller Ausflüge in den Nationalpark Torres del Paine. Neben mir sitzt ein Chilene. Wir sprechen übers Wetter – worüber sonst? Auch wenn das in Patagonien alles andere als ein Small-Talk-Thema ist. Er erzählt von Winterstürmen, so heftig, dass Kinder nicht allein raus dürfen und Seile durch die Straßen gespannt werden. Legende oder nicht – klar ist: Es ist April und auf gutes Wetter darf man hier kaum mehr hoffen.

Foto: Drew Smith

Im Film haben es die drei belgischen Kletterer Sean Villanueva O'Driscoll, Nico Favresse und Siebe Vanhee besser gemacht. Gemeinsam mit ihrem amerikanischen Kollegen Drew Smith waren sie im patagonischen Hochsommer, im Januar 2024 unterwegs. Das Wetter war ihnen dennoch nicht gerade milde gestimmt. „Wir kämpften die ganze Zeit mit den Bedingungen - es war eine ziemlich masochistische Erfahrung“, sagt Nico. „Wir haben 18 Tage gebraucht, um die Route frei zu klettern – bei gutem Wetter hätten wir es in drei schaffen können.“

Schlafen, Klettern, Essen, aufs Klo gehen, Lesen und Musik hören. Was braucht man mehr?
Nico Favresse

Fotos: Drew Smith

Vier Tage brauche ich allein für die Wanderung zum Aussichtspunkt auf der klassischen W-Route. Dann stehe ich endlich vor ihnen: Los tres torres. Die drei Türme, über die Kletter:innen Sagen schreiben. In der Mitte ragt der Torre Central steil hinauf – 41 Seillängen, 1.200 Meter Wand. Dort wollten unsere vier Kletterer hinauf. Doch der Weg zum Einstieg ist noch weit. Während bei mir im geschützten Kessel kaum Wind weht, ist die Ostseite eine der brutalsten Wetterzonen des Massivs.

Foto: Drew Smith

„Die Crux war definitiv das Wetter – in Patagonien ist es das immer“, erinnert sich Siebe. „Die Kletterei ist nicht extrem schwer, aber bei -1 °C und Eis in den Rissen eine 7c zu klettern, erfordert eine völlig andere Einstellung.“ Nässe. Steinschlag. Minusgrade. Winde, die mit 140 km/h (!) alles durchrütteln. Ein Meter hoch lag der Schnee auf ihrem Portaledge. Dazu taube Finger und eiskalte Füße.

Es war nur eine einzige Nachricht: „Hey Leute, ich möchte versuchen, Riders frei zu klettern. Seid ihr bereit für ein weiteres Leidensfest?“
Siebe Vanhee

Warum das alles? Was lässt einen da noch durchhalten? „Allein hätte ich sicher aufgegeben“, sagt Nico. „Aber mit diesem Team konnte ich über mich hinauswachsen.“ Drew, der Fotograf und Kamermann der Expedition, ergänzt: „Die Jungs sagten, wir hätten Glück gehabt – ich glaube nicht, dass wir viel oder überhaupt welches hatten. Dank der Energie des Teams war der Gipfel längst erreicht, bevor wir oben standen.“ Das taten sie am 9. Februar 2024, 18 Jahre nachdem Nico und Sean das erste Mal dort gewesen waren.

Foto: Drew Smith

Ein paar Tage später bin ich zurück in Puerto Natales. Es wird gegrillt, Instrumente werden ausgepackt, und der Abend endet in einer improvisierten Jam-Session. Wenn ich die Augen schließe, fällt es mir nicht schwer, mir vorzustellen, es seien unsere vier Riders on the Storm, die da musizieren. „Das ist das Leben in Patagonien, besser geht es nicht!“, ruft Nico. Da kann ich ihm wohl nur zustimmen.

Von belgischen Bergen und großen Ambitionen

Sean, Nico und Siebe kommen aus Belgien - auf den ersten Blick kein klassisches Alpinland.

Der höchste Berg des Landes, der Signal de Botrange, wurde durch das künstliche Aufschütten eines Hügels auf gerade mal 700 hm getrickst. Doch Belgien hat eine lange Klettertradition. König Albert I., auch Roi Alpiniste genannt, war ein leidenschaftlicher Bergsteiger und Förderer des Sports, bis er bei einem Solo-Kletterversuch ums Leben kam. Für Nico war zudem das Klettern in Freyr prägend, ein Gebiet, das schon viele starke Kletterer hervorgebracht hat: „Hier ist es rutschig, technisch und gnadenlos mit weiten Hakenabständen. Wer dort gut klettert, kann das überall.“ Hinzu kommt eine strenge Kletterethik. „Man musste es sich verdienen, schwere Routen zu versuchen“, sagt Siebe. „Als ich meine erste 8a versuchte, wurde mir kein Seil von oben eingehängt – es war meine Verantwortung, die Route selbst von Bolzen zu Bolzen zu klettern.“

(Kletter-)Stil ist nicht gleich Stil

Kletter:innen wiederholen immer wieder ihre ohnehin schon verrückten Erfolge, weil sie es nicht geschafft haben, die Route im ersten Versuch frei zu klettern. Aber was bedeutet das überhaupt?

Beim Freiklettern bringen einen nur Hände und Füße am Felsen vorwärts. Seile und Haken dienen ausschließlich der Sicherung. Bei Riders on the Storm kletterten die vier im Team-Free-Style: Jede Seillänge wurde von mindestens einem Teammitglied frei geklettert. Wer was übernahm, entschieden sie per Schere-Stein-Papier. „Das hat wirklich gut funktioniert – wir haben alle schwierige Routen bekommen“, erinnert sich Nico. Geklettert wurde im Capsule Style mit Portaledges in der Wand. Dabei ist Abseilen erlaubt, um einzelne Seillängen erneut anzugehen. Für Zuschauer:innen wirkt das manchmal verwirrend, ist aber ein völlig legitimer Bigwall-Stil.